lundi 15 juin 2015
dimanche 7 juin 2015
Gott Lassen
Wie
können wir heute, im 21. Jahrhundert, Gottesdienste feiern, so dass
alle Mitfeiernden angesprochen sind? Diese Frage stellte sich eine
Gruppe von Frauen und Männern, die für die Gestaltung und
Durchführung von Gottesdiensten verantwortlich sind. Ratlosigkeit
machte sich breit. Von den verschiedenen Erfahrungen, die geäussert
wurden, gab mir am meisten die eines Pfarrers zu denken.
Zu
Beginn des Gottesdienstes – so berichtete er – singen wir nach
der gegenseitigen Begrüssung ein Lob- und
Danklied. Dann kommt das Grosse
Loslassen
über uns. Wir werden doch von so vielem gefangen gehalten oder
bedrängt: von Sorgen, häuslichen und beruflichen Verpflichtungen,
von Eitelkeiten, von Enttäuschungen, von Erwartungen, von
Beleidigungen, von Kränkungen – ja, es ist unmöglich alles
aufzählen, was uns vom Eigentlichen und einzig Wichtigen ablenkt und
abhält. Aufzählungen wirken langweilig und oberflächlich, ganz
abgesehen davon, dass man auch nicht alles auf einmal loslassen kann.
So nehmen wir jeweils nur ein Problemfeld heraus. Zum Beispiel
dieses: Jeden Tag werden wir enttäuscht: von unserer Nachbarin, von
unserem Partner, von uns selbst – weil wir mit unserer Arbeit nicht
fertig werden, weil wir zu ungeduldig sind und und und. Um all diese
Enttäuschungen loslassen zu können, brauchen wir Zeit, viel Zeit
und viel Ruhe. Diese wohltuende Stille markiert den Beginn des
Gottesdienstes. Wir lassen
diese Enttäuschungen nicht nur, wir über-lassen
sie Gott. Dort sind sie gut aufgehoben.
Im
Grunde genommen können wir alles lassen; alles, was uns
ablenkt oder gefangenhält oder quält. So werden wir leer und frei.
In der Liturgie – so der Pfarrer – folgt dann dieser stillen Zeit
des Lassens ein Gebet.
Die
Idee finde ich gut. Wir haben so vieles zu lassen, von so vielem uns
leer zu machen. Vielleicht können wir so Gott Raum geben.
Die
Frage, die sich mir im Nachhinein stellt, ist die: Sollten wir nicht
einmal versuchen, auch Gott loszulassen? Ihn zu lassen, wie er
ist, ihn frei zu lassen, uns von ihm kein Bild zu machen, ihn nicht
vor den Karren unserer Interessen zu spannen, ihn nicht zu
vereinnahmen?
Der
Mystiker Meister Eckhart (1260-1328) fordert dazu auf,
Gott
um Gottes Willen zu lassen.
In
diesem Sinn nennt Gott dem Mose am brennenden Dornbusch seinen Namen:
Ich
bin, der ich bin,
das
heisst: ‚Ich bin für euch da, ich gehe mit euch, ich bin bei euch.
Bitte, lasst mich der sein, der ich bin!’
Meister
Eckhard fügt seiner Forderung Gott um
Gottes Willen zu lassen noch hinzu:
damit
er mir bleibe.
Nur
wenn wir Gott lassen,
kann er wirklich unser
Gott sein.
Hermann-Josef
Venetz
vendredi 5 juin 2015
Licht
und Brot
Eberhard
Münch
Während
die anderen Evangelien davon berichten, dass im Zentrum der Botschaft
Jesu das Reich Gottes steht, spricht Jesus im
Johannesevangelium hauptsächlich von sich selbst. Nirgends sonst
finden wir so viele Ich-bin-Worte, wie im Johannesevangelium: Ich
bin das Brot des Lebens, ich bin das Licht der Welt, ich
bin der Gute Hirt, ich bin die Auferstehung, ich bin
der wahre Weinstock, ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben. Mit solchen Aussagen brachten die Christinnen und
Christen, die hinter dem Johannesevangelium standen, ihren Glauben an
den Messias Jesus zum Ausdruck.
Ist
es aber wirklich so, dass sich Jesus mit diesen Aussagen ins Zentrum
stellen wollte, gewissermassen an die Stelle Gottes? Sehen wir die
eine oder andere dieser Aussagen etwas näher an.
• Ich
bin das Licht der Welt. Wenn wir in
einem dunklen Raum sind, zünden wir das Licht an, nicht um ins Licht
zu starren; es würde uns ja nur blenden. Wir zünden das Licht an,
damit wir die Leute und die Gegenstände um uns herum besser sehen
können.
• Ich
bin das Brot des Lebens. Das Brot ist
uns nicht gegeben, dass wir es aufbewahren oder ausstellen, sondern
dass wir davon essen, es teilen und dafür sorgen, dass alle zu leben
haben.
• Ich
bin der Weg. Der Weg ist nicht da,
damit wir darauf stehen bleiben und ihn gar bewundern, sondern dass
wir darauf weitergehen, um dem Nächsten, besonders dem Leidenden und
Fremden entgegen zu gehen.
Mit
all diesen Ich-bin-Aussagen stellt Jesus nicht sich selbst in den
Mittelpunkt. Er bietet sich als Hilfe an, damit wir die Not unserer
Mitmenschen besser sehen und ihnen selbst zum Licht, zum Brot und zum
Weg werden.
Im
gleichen Johannesevangelium sagt Jesus von sich selbst: Ich bin
gekommen, damit ihr Leben habt, Leben in Fülle (Johannes 10,10).
Und von dieser Fülle sollen all unsere Mitmenschen etwas
mitbekommen. Auch und gerade durch uns.
Hermann-Josef
Venetz
samedi 30 mai 2015
Gott
und die Welt zusammenbringen
Jesus spricht von Gottes Kommen in Form von Gleichnissen. Er entwirft Bilder und erzählt Geschichten, wie sie auch aus unserem Leben gegriffen sein könnten. Dabei fällt auf: Wenn Jesus mit seinen Gleichnissen Gott und unsere so ganz und gar weltliche Welt zusammenbringt, gibt er sich nicht die geringste Mühe, diese unsere Welt schöner oder heiler oder liebenswerter darzustellen als sie ist.
Jesus spricht von Gottes Kommen in Form von Gleichnissen. Er entwirft Bilder und erzählt Geschichten, wie sie auch aus unserem Leben gegriffen sein könnten. Dabei fällt auf: Wenn Jesus mit seinen Gleichnissen Gott und unsere so ganz und gar weltliche Welt zusammenbringt, gibt er sich nicht die geringste Mühe, diese unsere Welt schöner oder heiler oder liebenswerter darzustellen als sie ist.
• Ein
Mann sät Samen auf seinen Acker. Einiges fällt unter die Dornen,
anderes auf den Weg, anderes fällt auf steinigen Grund, und bald
schon es zeigt sich das Unkraut (Matthäus 13,4-9.24-30). So ist eben
unsere Welt.
• Der
jüngere Sohn schmeisst dem Vater den Bettel hin, lässt sich das
Erbe ausbezahlen, haut ab und vergeudet das ganze Vermögen durch ein
verschwenderisches Leben (Lukas 15,11-32). So sieht es in der Welt
aus.
• Ein
Priester und ein Levit lassen sich von einem zusammengeschlagenen
Glaubensbruder nicht aufhalten; sie gehen an ihm vorüber (Lukas
10,30-37). Die Welt, in er wir leben.
Nirgendwo
heile Welt, die da mit Gott und seinem Reich zusammengesehen wird.
Unkraut, Verluste, zerbrochene Familien, betrügerische Angestellte,
Hartherzigkeit ... – eben so, wie die Welt aussieht: ohne
Schminke, ohne die geringste Beschönigung. Jesus war Realist.
Freilich
ist das noch nicht alles. Das Besondere an Jesus ist dies, dass er
inmitten dieser Welt, in der nichts in Ordnung ist, Züge ausmacht,
die überraschen, ja irritieren. Er sieht Möglichkeiten, die
deutlich machen, dass nichts so sein muss, wie es ist. Mitten in
dieser gnadenlosen Welt stellt er Alternativen fest, die die Welt in
ein ganz neues Licht tauchen.
• Wenn
sich der ‚verlorene Sohn’ zum Vater aufmacht, bewegt er sich
immer noch in der herkömmlichen Welt. Er wird dem Vater sagen: Ich
habe gesündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach
mich zu einem deiner Tagelöhner. Ganz
überraschend sieht der Vater noch eine völlig neue Möglichkeit: Er
lässt den Sohn gar nicht ausreden, sondern geht auf ihn zu, umarmt
ihn und setzt ihn wieder in die Rechte des Sohnes ein. Die
entscheidende Frage ist die, ob dieser diese neue Möglichkeit zu
ergreifen vermag oder ob er darauf pocht, sein Reuegebet zu Ende zu
sprechen und so an der alten Ordnung festzuhalten. Ebenso
entscheidend die Frage, ob der zu Hause gebliebene Sohn diese vom
Vater eröffnete neue Möglichkeit zu ergreifen vermag. Hörer und
Leserin haben selbst die Antwort zu geben, selbst eine Entscheidung
zu treffen: entweder bei sich selber stehen zu bleiben, oder sich
aufzumachen und am Fest teilzunehmen.
• Der
Sämann resigniert nicht. Geradezu trotzig sät er weiter in dem
unerschütterlichen Vertrauen, dass das meiste auf gutes Erdreich
fällt und dreissig, sechzig, huntertfache Frucht bringt. Weil hinter
dem ganzen Unternehmen Gott steht.
• Im
Unterschied zum Priester und zum Levit fragt der Mann aus Samaria
nicht nach Gesetz und Ordnung, nicht nach erlaubt und verboten,
sondern lässt sein Herz sprechen und investiert alles, damit der
Zusammengeschlagene wieder auf die Beine kommt.
So
bringt Jesus Gott und die Welt zusammen. Er sieht die Welt so, wie
sie ist, ohne Beschönigung, ohne Schminke. Aber er sieht in dieser
Welt, gerade weil er sie mit Gott in Zusammenhang bringt, ganz neue,
ja ungeahnte Möglichkeiten: die Möglichkeiten Gottes. Niemand
braucht bei sich selbst und dieser Welt stehen zu bleiben; alle
sollen aus dem tödlichen Gefüge ausbrechen können, sowohl der
Vater wie auch die beiden Söhne, sowohl der Sämann wie auch der
Samaritan wie auch der Priester und der Levit.
Oder
auch so gesagt: Jesus entdeckt in dieser Welt, in der fast nichts in
Ordnung ist, die Macht der Liebe und lädt uns ein, in dieser unserer
ganz konkreten und unheilen Welt dieser Macht der Liebe zu trauen.
Hermann-Josef
Venetz
Die
Bibel – Tummelplatz des Betens
Die
ganze Bibel, das Alte wie das Neue Testament, ist immer beides: Anruf
und Antwort. Wenn in der Bibel Gott zu Sprache kommt, ist das
keineswegs eine Ein-Weg-Kommunikation und schon gar nicht eintönig.
Er ist er nicht einfach Befehlshaber und Gesetzgeber. Viel öfter ist
er der, der bittet und liebevoll zuredet, der ermuntert und ermutigt,
der befreit und einlädt, der fragt und anklagt und droht – wie
soll denn die Bibel anders von Gott reden als auf ‚menschliche
Art’, und ‚in Bildern und Gleichnissen’?
Eben
so oft wenn nicht öfters kommen in der Bibel Menschen zu Wort; sie
ant-worten auf die Bitten und Anklagen und Einladungen und Drohungen
Gottes. Und diese Antworten könnten vielfältiger nicht sein: jubeln
und loben, preisen und danken, klagen und schimpfen, fluchen und
lachen, fragen und weinen und schweigen...
Tatsächlich:
Wenn wir die Bibel öffnen, geraten wir in einen permanenten Dialog
zwischen Gott und den Menschen, und sobald wir in der Bibel zu lesen
beginnen, treten wir in diesen Dialog ein, in den Dialog mit Gott,
der uns anruft, in Frage stellt, verständnisvoll zunickt, schweigt,
schmollt, lächelt... Dabei sind wir nicht allein; mit uns und bei
uns sind unsere Glaubensmütter und Glaubensväter, mit denen
zusammen wir auf Gott hören und ihm zu antworten versuchen: der
Vater Abraham, die Mutter Sara, der Fürbitter Mose, die Pauken
schlagende Mirjam, der tanzende David, der drohende Jeremia, der
klagenden Ijob, die jubelnde Maria, die salbende Sünderin...
‚Beten
mit der Bibel’ heisst: dabei sein,
hören, mitreden, mitspielen…
Hermann-Josef
Venetz
lundi 25 mai 2015
Flüchtlinge in
der Mitte
Jedes
Mal wenn ich die Bibel öffne, bin ich überrascht, wie oft dort
Menschen, ja ganze Sippen und Völkerschaften auf der Flucht sind.
Von daher versteht sich auch, dass in der alttestamentlichen
Gesetzgebung so oft von Flüchtlingen und Fremden die Rede ist. Ja,
man hat den Eindruck, als ob das Auf-der-Flucht-Sein und Fremd-Sein
zum Wesen der jüdisch-christlichen Tradition gehören. Das schlägt
sich sogar im Glaubensbekenntnis nieder.
Das
fünfte Buch Mose, es wird auch »Deuteronomium« genannt, ist eine
Sammlung von Reden, in denen Mose das Volk Israel, nachdem es während
vierzig Jahren auf der Flucht war, auf das Sesshaftwerden im Gelobten
Land vorbereitet. Der Abschnitt, den ich vor Augen habe, erinnert an
eine Liturgie, in die hinein ein Glaubensbekenntnis eingebettet ist
(26,1-11):
Wenn
du das Land, das der Ewige, euer Gott, euch geben will, in Besitz
genommen und dich darin eingerichtet hast, dann
sollst du die ersten Früchte deiner Ernte in einen Korb legen… und
vor Gott bringen. Und sollst vor dem
Ewigen, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen:
Mein
Vater war ein heimatloser Aramäer. Als er am Verhungern
war, floh er mit seiner Familie nach Ägypten und lebte dort
als Fremder. Mit einer Handvoll Leuten kam er hin, aber seine
Nachkommen wurden dort zu einem großen und starken Volk.
Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns
rechtlos und zwangen uns zu harter Arbeit. Da schrien
wir zum Gott unserer Väter, und er hörte uns und sah unsere
Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere
Bedrängnis. Er führte uns mit
starker Hand … aus Ägypten heraus und brachte uns an diese Stätte
und gab uns dieses Land, das von Milch und Honig überfliesst.
Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den
Früchten des Landes, das du, Gott, mir gegeben hast…
Den
Bildern, mit denen die Tragik der Flucht beschrieben wird, begegnen
wir jeden Tag in unseren Medien: Hunger, Obdachlosigkeit, Fremdheit,
Rechtlosigkeit, Zwangsarbeit, Bedrängnisse aller Art.
Ebenso
sehr beeindrucken mich aber auch die Äusserungen am Ende der
Ausführungen:
Wenn
du den Korb mit den Früchten des Landes vor den Altar gestellt hast,
sollst du dich vor Gott niederwerfen. Dann
sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das dein
Gott dir und deiner Familie gegeben hat: du, die Leviten und die
Fremden in deiner Mitte.
Sich
mit den Fremden in unserer Mitte freuen können, ist nicht so sehr
eine Zumutung als vielmehr eine Verheissung.
Hermann-Josef
Venetz
dimanche 17 mai 2015
Eine
Gewissenserforschung
Rein
zufällig geriet ich über Internet in die Unterrichtsstunde des
berühmten Pianisten Menahem Pressler. Er wird heuer 92 und ist immer
noch voller Begeisterung und Leidenschaft. Um ihn herum waren einige
junge Leute, die ihr Können und ihre Ausdruckskraft beim Meister
vertiefen und vervollkommnen wollten. »Ich liebe die Musik«, sagte
er den Anwesenden, »ich liebe den Komponisten, ich liebe die
Zuhörerinnen und Zuhörer, ich liebe, was ich tue.«
Am
Klavier sass eine junge Pianistin, die mich mit ihrem Spiel berührte.
Aus der Mimik des Meisters schloss ich, dass auch er mit dem
Dargebotenen zufrieden war, bis sich mehr und mehr seine Gesichtszüge
verfinsterten. Plötzlich rief er laut: »Nein, nein, nein! So geht
das nicht!«
Ich
fand diese Intervention sehr streng, ja ungerecht.
Aber
er fuhr fort: »Bis jetzt hast du geliebt, und ich hörte dir gerne
zu. Jetzt willst du aber imponieren. Wenn du liebst, willst du was
geben, gibst du was von dir, ja gibst du dich selbst. Jetzt willst du
nur noch bekommen: Applaus, Erfolg, Bewunderung. Das ist nichts.«
Die
Unterrichtsstunde des grossen Musikers ist Anstoss zur
Gewissenserforschung – für mich und für alle, die so oder so in
der Öffentlichkeit stehen, sei es als Musiker oder Lehrer oder
Pfarrer oder Politiker oder was auch immer: Was ist die Triebfeder
meines Redens und Tuns? Ist es die Liebe? Die Liebe zu den Menschen?
Die Liebe zur Sache? Oder habe ich es auf den Applaus abgesehen? Auf
den Erfolg? Auf die Komplimente, die man mir machen wird?
Und
wie von selbst kommt mir der Passus im 1. Korintherbrief des Paulus
Kapitel 13 in den Sinn:
Wenn
ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
hätte
aber die Liebe nicht,
wäre
ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und
wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und
alle Erkenntnis hätte…,
hätte
aber die Liebe nicht,
wäre
ich nichts.
Hermann-Josef
Venetz
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