vendredi 13 mai 2016

Seid heilig!

Anne Frank


Der Ewige sprach zu Mose:
Richte der ganzen Gemeinde der Israeliten aus, was ich ihr zu sagen habe: Ihr sollt heilig sein; denn ich, der Ewige, euer Gott, bin heilig …
Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr euer Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten und keine Nachlese halten. Auch in deinem Weinberge sollst du keine Nachlese halten und die heruntergefallenen Beeren nicht aufheben. Lasst etwas übrig für die Armen und für die Fremden bei euch.
Ich bin der Ewige, euer Gott!» (nach Leviticus 19,9-10)
Der Anspruch Gottes an diejenigen, die er erwählt, ist gewaltig: sie sollen heilig sein, wie er heilig ist. Heilig ist nach dem Verständnis der Bibel nur Gott. Wenn wir von Gott sagen, er sei heilig, dann meinen wir damit sein ureigenes Geheimnis. Gewiss sagen wir auch von Menschen oder von Orten oder von Ereignissen, dass sie heilig seien, aber nur deshalb, weil sie in engster Verbindung mit Gott stehen und so an seinem Geheimnis teilhaben. Es gibt Menschen und Orte und Ereignisse, die das Geheimnis Gottes sichtbar machen oder wenigstens ahnen lassen. Unser Text macht ganz konkret deutlich, wie Menschen das Geheimnis Gottes zur Erfahrung bringen: Sie ernten ihr Feld nicht bis zum äußersten Rand ab, sondern lassen etwas für die Armen und Fremden übrig.
Hermann-Josef Venetz


vendredi 6 mai 2016

Liebe fordert keinen Beweis




 Pharisäer kamen zu Jesus und begannen mit ihm zu streiten. Sie wollten ihn auf die Probe stellen und verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Das sollte als Beweis dafür dienen, dass er wirklich von Gott beauftragt sei. Jesus seufzte und sagte: Wieso fordert diese Generation ein Zeichen? Amen. Ich versichere euch: Dieser Generation wird nie und nimmer ein Zeichen gegeben. Und er ließ sie stehen, stieg wieder ins Boot und fuhr ans andere Seeufer (nach Markus 8,11 –13).
Wenn in einer Liebesbeziehung der Partner von seiner Partnerin einen Beweis oder ein deutliches Zeichen ihrer Liebe verlangt, ist das als sicheres Zeichen dafür anzusehen, dass seine Liebe am Erlöschen ist. Warum? Wer von seiner Partnerin einen Liebesbeweis verlangt, setzt sie unter Druck; und das ist alles andere als ein Ausdruck der Liebe. Und die Partnerin – sie steht ohnmächtig da. Denn jeder Beweis kann vom Partner in Zweifel gezogen und zunichte gemacht werden.
Auch in unserer Erzählung steht Jesus ohnmächtig da. Er kann Wunder wirken – so große und so viele er will: Leute, die nicht glauben, die kein Vertrauen haben, lassen sich davon nicht beeindrucken und werden sagen: Er steht mit dem Teufel im Bund. Nicht weil Jesus die Leute wegen ihres Unglaubens bestrafen will, geht er auf die Zeichenforderung nicht ein. Jesus will nicht Wunderwirker sondern Liebender sein. Das ist etwas ganz anderes. Als Liebender will und kann er keinen Druck ausüben; denn wo Druck ausgeübt wird, kann Liebe nicht gedeihen. Und das beruht auf Gegenseitigkeit.
Wir wollen auch Gott nicht unter Druck setzen und von ihm Wunder verlangen; das wäre lieblos. Umgekehrt wird Gott auch uns nie unter Druck setzen. Er weiß wie wir: Liebe ist nur möglich, wo Freiheit ist.
Hermann-Josef Venetz




mardi 12 avril 2016

Wer ist ein Gott wie du?!

Wer ist ein Gott wie du?!



Wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Du trägst die Schuld weg, du gehst am Verbrechen vorüber, du verharrst nicht auf immer in deinem Zorn, du liebst es, uns aufzusuchen, um bei uns zu sein, du wirst dich unser erbarmen, du zertrittst all unsere Schulden, du wirst unsere Sünden in die Tiefe des Meeres versenken. Du wirst Jakob die Treue erweisen und Abraham deine Huld, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit (nach Micha 7,18 –20).
In den letzten Versen des Buches Micha gibt der Prophet – er lebte und wirkte im 8. Jahrhundert vor Christus – seinem großen Staunen Ausdruck: Wer ist ein Gott wie du?! Es tut gut, uns wieder einmal an das Unvergleichliche des Gottes Abrahams, Isaaks und Israels zu erinnern. Ein uraltes Kirchengebet wird so eingeleitet: Am allermeisten zeigst du deine Allmacht dadurch … … und jetzt kann man gespannt sein, wie es weitergeht: ist es das Faszinierende der Schöpfung, die Unermesslichkeit des Weltalls, die Winzigkeit der Atome, sind es die Wunder, die die Bibel erzählt … Nein nichts von all dem. Das uralte Kirchengebet geht so:
Am allermeisten zeigst du deine Allmacht dadurch, dass du uns schonst und dich unser erbarmst.

 
Darin besteht die Unvergleichlichkeit Gottes. Micha umschreibt sie in unserem Text mit sieben markanten Sätzen:
- Er schleppt die Schuld weg,
- die Verbrechen achtet er nicht,
- er verbohrt sich nicht in seinen Zorn,
- als geselliger Gott bietet er uns Gemeinschaft an,
- als mütterlicher Gott hat er herzliches Mitleid mit uns,
- er zerstampft unsere Schulden und löscht sie aus,
- er bringt unsere Sünden zum Verschwinden.
Und so – wie wenn alles vergessen wäre – macht er die anfängliche Treue, die er den Ureltern geschworen hat, wieder sichtbar. Ja, wer sollte vor einem solchen Gott nicht Staunen ausbrechen, dieser Gott, mit dem man immer wieder neu anfangen kann?!
Hermmann-Josef Venetz


lundi 21 mars 2016

Sieh nicht weg, wenn ein Armer die Hand ausstreckt



 Das Buch Jesus Sirach – man vermutet, dass es um 180 vor Christus entstanden ist – wird von der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als Teil des Alten Testamentes angesehen. Die Kirchen der Reformation rechnen diese Weisheitsschrift zwar zu den Apokryphen, schätzen sie aber trotzdem sehr hoch. Zu Beginn des 4. Kapitels lesen wir folgendes:
Bring den Armen nicht um das, was er zum Leben braucht! Wenn seine Augen dich anflehen, dann lass ihn nicht vergebens warten! Hungrige lass nicht leiden und kränke sie nicht; sie haben es schwer genug. Sei nicht hartherzig gegenüber Verbitterten, verletze sie nicht noch mehr. Lass niemand warten, der auf deine Hilfe angewiesen ist. Wenn ein Mensch in Not ist und dich um etwas bittet, dann weise ihn nicht ab und lass ihn nicht stehen. Sieh nicht weg, wenn ein Armer etwas von dir erbittet; gib ihm keinen Grund, dir zu fluchen! Denn wenn er so verzweifelt ist, dass er dir flucht, wird sein Schöpfer den Fluch wahr machen.
 
Es handelt sich hier um ein Anliegen, das sich durch die ganze Bibel hindurch zieht: die Rücksichtnahme gegenüber den Armen und Notleidenden, den Verbitterten und den Fremden, den Witwen und Waisen. Die israelitische Gesetzgebung und die prophetischen Mahnungen messen sich daran, ob und wie die Benachteiligten darin berücksichtigt werden. Der Gott Israels hat nun mal – aus was für Gründen auch immer – für sie Partei ergriffen, und er wird davon nie abkommen. Er steht an der Seite der Letzten. Ja, er macht sich zu ihrem Anwalt. Sein Bevollmächtigter, Jesus von Nazaret, wird sich mit ihnen identifizieren:
Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben…
Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen… (Matthäus 25,35).
Hermann-Josef Venetz

mercredi 16 mars 2016

Ein befremdendes Gottesbild


 Zolleinnehmer und andere, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, versammelten sich bei Jesus und wollten ihn hören. Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer murrten und sagten: Er lässt das Gesindel zu sich! Er isst sogar mit ihnen!
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis: Stellt euch vor, eine Frau hat zehn Silberstücke und verliert eins davon. Zündet sie da nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht gründlich in allen Ecken, bis sie das Geldstück gefunden hat? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Silberstück wieder gefunden! Ich sage euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der ein neues Leben anfängt. (nach Lukas 15,1 –3.8 –10)
Es wird sehr breit ausgemalt, was die Frau alles unternimmt, um das verlorene Geldstück wieder zu finden. Damals gab es keine Parkettböden. Eine Lampe anzünden verlangte viel Geschick und Zeit. Es scheint, dass das Geldstück für sie lebensnotwendig war.
Das Gleichnis ist ein Reich-Gottes-Gleichnis. Die Hauptrolle spielt eine Frau, die eine Lampe anzündet, das ganze Haus auf den Kopf stellt und fegt und kniend in allen Ecken nach dem Geldstück sucht. Es ist aber auch eine Frau, die sich überschäumend freuen kann, wenn sie das Verlorene findet, so dass sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zu einem Fest einlädt, für das sie möglicherweise mehr ausgeben muss, als das Silberstück wert ist. Ein bisschen verrückt, nicht wahr?
Ist diese Frau ein Bild für Gott? Und auf was bezieht sich denn das, was die Frau so dringend sucht? Könnten wir damit gemeint sein? Sind wir ihm so wichtig? Überlebenswichtig?
Vielleicht sollten wir uns langsam auf einen ‚verrückten Gott’ einstellen…
Hermann-Josef Venetz

lundi 7 mars 2016

Je suis Jonas





Es ist immer wieder lohnenswert, zum Buch Jona zu greifen. Dieses Buch steht in unserer hebräischen Bibel, dem so genannten Alten Testament. Im Unterschied zu anderen Prophetenbüchern handelt es sich aber nicht um eine Sammlung von Prophetenworten, sondern um eine Erzählung über das Schicksal des Propheten Jona. Dieser sollte den Bewohnern der berühmt-berüchtigten Stadt Ninive eine Strafpredigt halten und sie zur Umkehr bewegen. Jona tut das dann auch, indem er der Stadt und den Menschen kurzerhand den Untergang androht:

Noch 40 Tage, und Ninive wird zerstört werden!
Und alle, vom König bis zum Vieh, tun in Sack und Asche Busse. Die Erzählung hält dann fest:
Als Gott sah, was sie taten, dass sie von ihrem bösen Tun sich abkehrten, da reute ihn das Böse, das er ihnen zu tun angedroht hatte, und er tat es nicht (Jona 3).
Jetzt sieht sich Jona von Gott betrogen und wird wütend und zornig, weil er nicht das eintreten lässt, was er durch den Propheten ankünden liess. Gott versucht zwar noch, ihm gut zuzureden, ja er schickt ihm sogar eine Staude, die ihm Schatten geben und ihn von seinem Unmut befreien soll. Als dann aber am folgenden Morgen die glühende Sonne aufgeht und ein Wurm der Staude den Garaus macht, geht es auch mit Jona zu Ende: Mit Recht bin ich erzürnt und möchte sterben, sagt er.

Man braucht nicht lange im Buch zu lesen um festzustellen, dass
es sich bei Jona nicht um eine historische Gestalt, sondern vielmehr um die Karikatur eines Propheten geht. Das Buch ist voller Tiefsinn verbunden mit Charme und Schalk. Es endet auch nicht mit einem happy end, auch nicht in einer Tragödie, sondern mit einer Frage. Spätestens bei der Frage am Schluss des Buches stellen wir fest, dass der widerspenstige Jona weniger die Züge eines Propheten als unsere eigenen Züge trägt:
Dir ist es leid um den Strauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh? (Jona 4)
So endet das Buch. Ninive? Ninive ist überall. Jona? An seiner Stelle stehen jetzt wir. An seiner Stelle haben wir auf die Frage Gottes eine Antwort zu geben. Wie Jona sind auch wir unwillig, wenn Gott sich derer erbarmt, von denen wir meinen, dass sie es nicht verdienen. Wie Jona müssen auch wir lernen, dass Gott ein Gott des Erbarmens ist und dass ihn das Böse reuen kann, das er den Menschen androht. Und mit Jona zusammen müssen auch wir die Lektion lernen, dass der Ewige sich in seine Pläne nicht dreinreden lässt.

Hermann-Josef Venetz

jeudi 11 février 2016

...zu richten die Lebenden und die Toten




Jedes Mal, wenn ich das Glaubensbekenntnis spreche, gerate ich bei diesem Satz ins Stocken. Wie soll ich ihn verstehen? Soll ich mir dieses Kommen herbeisehnen – oder müsste ich es nicht eher fürchten? Werde ich vor dem kommenden Richter bestehen?
Biblische Bilder tauchen auf vom kommenden Richter, der die Völker zusammenrufen und die »Böcke« von den »Schafen« scheiden wird (Mt 25,31-46), wobei die einen das Reich in Besitz nehmen, die anderen hingegen in das ewige Feuer geworfen werden.
Die Darstellungen des Jüngsten Gerichts, wie wir sie in manchen Gotteshäusern finden, helfen dabei nicht. Zu tief haben sich die Bilder der Verdammten, die in die Hölle hinabstürzen, in unser Innerstes eingebrannt. Ich will diese Vorstellungen, die im Volksglauben fest verankert sind, nicht einfach über Bord werfen. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten, das Wort vom »Richten« zu verstehen.
Nach Vorstellungen, wie wir sie unter anderem auch in der Bibel antreffen, ist der Richter an erster Stelle nicht derjenige, der nach genauer Buchführung die Menschen belohnt oder bestraft, sondern vor allem derjenige, der Menschen, die Unrecht erleiden, ins Recht setzt. Das ist das, worum zum Beispiel in den Psalmen die ungerecht Verfolgten bitten: dass Gott vor aller Welt deutlich macht, auf welcher Seite er steht, und dass den Erpressern, den Blutsaugern ganz klar gesagt wird, dass sie auf die falsche Karte setzen und sich vor aller Welt schämen müssen.
Nicht um Belohnung und Bestrafung geht es also an erster Stelle, sondern darum, dass das Richtige, das Recht sich durchsetzt und ans Licht kommt und dass diejenigen, die das ganze Leben lang ihrer Treue wegen unten durch mussten, aufgerichtet, rehabilitiert werden.
Das Bild vom kommenden Richter will den Menschen nicht Angst machen; im Gegenteil! Es ist ein Bild der Hoffnung und Befreiung für diejenigen, die Unrecht erleiden;  sie sollen Recht bekommen. Und zwar nicht erst im ‚Jenseits’. Der Kommende, der die Rechtlosen ins Recht setzt, gibt ihnen jetzt schon eine Stimme. Sie sind nicht länger nur Opfer, sondern jetzt schon Subjekt der eigenen Geschichte.
Das heisst aber auch für uns, dass wir uns nicht mehr abfinden mit Ungerechtigkeit und Gewalt, mit Unrecht und Unterdrückung, sondern beharrlich darauf bestehen, dass es etwas anderes geben muss. So wird die Vorstellung von diesem Kommenden gleichzeitig zum Bild der Hoffnung: Dass dieses »andere«, die Gerechtigkeit und die Liebe und der Frieden hier und jetzt, mitten unter uns, bereits greifbar wird.

Hermann-Josef Venetz

vendredi 5 février 2016

Nichts als die Verheissung ?





Ich habe einen Abreisskalender. Für jeden Tag hält er einen Gedanken bereit. Auf einem Blatt zur Jahreswende las ich:
Ich sagte zu dem Engel, der das alte mit dem neuen Jahr verbindet: »Gib mir ein Licht, damit ich festen Schrittes in die Ungewissheit des neuen Lebens schreiten kann.«
Aber er antwortete mir: »Geh hinaus in die Ungewissheit und lege deine Hand in Gottes Hand; das ist mehr wert als ein Licht und sicherer, als den Weg zu wissen.«
Als Quellenangabe stand unter diesem Text nicht etwa der Name eines Mystikers oder eines bekannten Kirchenvaters, sondern ganz einfach: Aus China.
Der Text verfolgt mich immer wieder, und es kommen mir Situationen und Erzählungen aus der Bibel in den Sinn. Schon zu Beginn der Geschichte Gottes mit den Menschen sagt der Ewige zu Abraham: Geh los! Weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft… in das Land, das ich dir zeigen werde… ich werde dich segnen… Und Abraham brach auf und hatte nichts als Gottes ‚Hand’: seinen Segen (Genesis 12,1ff).

Und ich denke an Mose am brennenden Dornbusch. Zu ihm sagt der Ewige: Und jetzt geh! Ich schicke dich zum Pharao; Du wirst mein Volk aus Ägypten herausführen… Ich werde mit dir sein. Nach etlichem Widerstand und manchen Absprachen macht sich Mose mit Aaron auf den schweren Weg zum Pharao und auf den noch schwierigeren Weg mit dem Volk durch die Wüste mit nichts in der ‚Hand’ als den Namen Gottes ICH-BIN-DA (Exodus 3).
Und ich denke an die Jünger auf dem Berg in Galiläa, wo der Auferstandene ihnen sagt: Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mitlernen und taucht sie ein in den Namen Gottes... Ich bin bei euch alle Tage, bis Zeit und Welt vollendet sind… Und sie machen sich auf den Weg mit nichts anderem in der ‚Hand’ als die Verheissung des Mitsein (Matthäus 28, 16-20).
So ist Gott – überall, wo wir ihm begegnen. Er schickt uns in die Ungewissheit. Aber seine Hand bedeutet uns Licht und Sicherheit.
Hermann-Josef Venetz

lundi 1 février 2016

Ich habe euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt!

Ich bekam einmal zu einem bestimmten Anlass einen wunderschönen Holzschnitt geschenkt. Er stellt eine Gruppe finsterer Gestalten dar, unbeweglich, lustlos, starr. Vor ihnen tanzt und spielt beschwingt ein Flötenspieler. Darunter mit Bleistift der Satz: Ich habe euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt!
Das Bild sollte an das Gleichnis erinnern, das sowohl Lukas als auch Matthäus in ihren Evangelien überliefern (Lukas 7,31-35; Matthäus 11,17-19). Kinder möchten spielen und machen ihren Gespanen auch entsprechende Vorschläge: »Spielen wir doch Hochzeit!« , »Spielen wir doch Beerdigung!« Aber von den anderen Kindern kommt nie eine Reaktion; sie haben einfach keine Lust. Ihnen sind die Vorschläge zu uninteressant.
Hier und da regt mich dieses Bild zur abendlichen Gewissenserforschung an. Ich frage mich dann, wo und wann hat mir heute der Flötenspieler zum Tanzen aufgespielt? Und ich denke an ganz konkrete Gegebenheiten, bei denen ich ebenso abweisend und finster aus der Wäsche geguckt habe wie diese traurigen Gestalten auf dem Holzschnitt. Ich denke an die Nachbarin; ihr krebskranker Mann ist im Krankenhaus; aber wenn ich der in die Quere komme, lässt sie mich vor einer halben Stunde nicht wieder los. Oder ich denke an meinen Kollegen; er hat mich zum Apero eingeladen, aber seine immer gleichen Witze kann ich schon nicht mehr hören. Ich denke an die Obdachlose, die vor der Post ihre komischen Zeitschriften verkauft. Ich habe so getan, als ob ich die Zeitschrift schon längst hätte. Ich denke an die kleine Gruppe engagierter Leute, die mir zumutete, mit ihnen zusammen an die Demonstration für die Sans-Papier zu gehen... Jedes Mal kam von mir ein gelangweiltes Abwinken. Ich bemerkte nicht, dass es jedes Mal der Flötenspieler war, der mir zur Hochzeit aufspielte.
Dann aber gab es doch Momente, an denen ich mitgetanzt habe. Es waren die schönsten des Tages.
Was mir das Gleichnis sagen will? Vielleicht dieses: Spiel doch mit! Lass dich ein auf den Reigen! Geh mit zum Fest, wenn dich der Flötenspieler doch so liebevoll einlädt!
Denn die Zeit zum Feiern ist da.
Hermann-Josef Venetz

mardi 26 janvier 2016

...zu richten die Lebenden und die Toten




Jedes Mal, wenn ich das Glaubensbekenntnis spreche, gerate ich bei diesem Satz ins Stocken. Wie soll ich ihn verstehen? Soll ich mir dieses Kommen herbeisehnen – oder müsste ich es nicht eher fürchten? Werde ich vor dem kommenden Richter bestehen?
Biblische Bilder tauchen auf vom kommenden Richter, der die Völker zusammenrufen und die »Böcke« von den »Schafen« scheiden wird (Mt 25,31-46), wobei die einen das Reich in Besitz nehmen, die anderen hingegen in das ewige Feuer geworfen werden.
Die Darstellungen des Jüngsten Gerichts, wie wir sie in manchen Gotteshäusern finden, helfen dabei nicht. Zu tief haben sich die Bilder der Verdammten, die in die Hölle hinabstürzen, in unser Innerstes eingebrannt. Ich will diese Vorstellungen, die im Volksglauben fest verankert sind, nicht einfach über Bord werfen. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten, das Wort vom »Richten« zu verstehen.
Nach Vorstellungen, wie wir sie unter anderem auch in der Bibel antreffen, ist der Richter an erster Stelle nicht derjenige, der nach genauer Buchführung die Menschen belohnt oder bestraft, sondern vor allem derjenige, der Menschen, die Unrecht erleiden, ins Recht setzt. Das ist das, worum zum Beispiel in den Psalmen die ungerecht Verfolgten bitten: dass Gott vor aller Welt deutlich macht, auf welcher Seite er steht, und dass den Erpressern, den Blutsaugern ganz klar gesagt wird, dass sie auf die falsche Karte setzen und sich vor aller Welt schämen müssen.
Nicht um Belohnung und Bestrafung geht es also an erster Stelle, sondern darum, dass das Richtige, das Recht sich durchsetzt und ans Licht kommt und dass diejenigen, die das ganze Leben lang ihrer Treue wegen unten durch mussten, aufgerichtet, rehabilitiert werden.

Das Bild vom kommenden Richter will den Menschen nicht Angst machen; im Gegenteil! Es ist ein Bild der Hoffnung und Befreiung für diejenigen, die Unrecht erleiden;  sie sollen Recht bekommen. Und zwar nicht erst im ‚Jenseits’. Der Kommende, der die Rechtlosen ins Recht setzt, gibt ihnen jetzt schon eine Stimme. Sie sind nicht länger nur Opfer, sondern jetzt schon Subjekt der eigenen Geschichte.
Das heisst aber auch für uns, dass wir uns nicht mehr abfinden mit Ungerechtigkeit und Gewalt, mit Unrecht und Unterdrückung, sondern beharrlich darauf bestehen, dass es etwas anderes geben muss. So wird die Vorstellung von diesem Kommenden gleichzeitig zum Bild der Hoffnung: Dass dieses »andere«, die Gerechtigkeit und die Liebe und der Frieden hier und jetzt, mitten unter uns, bereits greifbar wird.

Hermann-Josef Venetz

lundi 18 janvier 2016

Bibel und Zeitgeist





Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter!
Diese Aufforderung steht in der Bibel. Im 5. Kapitel des Briefes an die christliche Gemeinde in Ephesus. Bis vor wenigen Jahren gehörte dieser Satz zum eisernen Bestand der Liturgie bei kirchlichen Trauungen. Heute versucht man je länger je mehr, Lesungen dieser Art zu umgehen; sie passen ganz einfach nicht mehr zu unserem Welt- und Menschenbild.
Aber: Führt ein solcher Umgang mit der Bibel nicht in die  Beliebigkeit? Passen wir so die Bibel nicht unserem Zeitgeist an?
Ja, der Zeitgeist! Zu oft vergessen wir, dass es auch zu biblischen Zeiten einen Zeitgeist gab, sei es, dass die biblischen Verfasser davor warnten, sei es, dass sie selber immer wieder dem Zeitgeist verfielen.
Im gleichen Epheserbrief lesen wir nur wenige Verse später:
Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern… (Epheser 6,5).
Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass sowohl die Aufforderung an die Frauen als auch die an die Sklaven von Männern – eben ‚Herren’ – niedergeschrieben wurden. Sie haben so ihren eigenen Zeitgeist von der Überlegenheit des Mannes über die Frau und der ‚Herren’ über die ‚Untertanen’ in die Bibel hineingetragen. Sie waren nie in der Schule des Nazareners, für den die Frauen nicht weniger galten als die Männer und der für die Sklaverei überhaupt nichts übrig hatte. Im Gegenteil. Er verstand sich ganz im Auftrag jenes Gottes, dem alles daran gelegen war, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien, und mit seinem Volk glaubte er, dass Mann und Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen sind.
Zur Zeit Jesu wie zur Zeit des Epheserbriefes war die Welt von der Zweitrangigkeit der Frau wie von der Richtigkeit der Sklaverei überzeugt. Sklavenaufstände und Gleichstellungsbestrebungen wurden von den Machthabern, den ‚Herren’, mit brutaler Gewalt unterdrückt. Wenn der Verfasser des Epheserbriefes die Sklaven auffordert, ihren irdischen Herren zu gehorchen, und die Frauen auffordert, ihren Männern untertan zu sein, gibt er dem damaligen Zeitgeist nach und steht im Widerspruch zum Geist Jesu, der gekommen ist, die Menschen von allen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Zwängen zu befreien.
Beim Lesen der Bibel werden wir jeweils genau hinsehen müssen, wes Geistes Kinder die Verfasser waren. Nicht immer waren sie vom guten Geist geleitet; nicht selten verfielen sie dem jeweiligen Zeitgeist – eine Versuchung, die durchaus verständlich ist und von der auch die spätere Kirche nicht immer verschont blieb.
Achten wie  also beim Lesen der Bibel auf den jeweiligen Zeitgeist. Auf den damaligen, aber auch auf den heutigen. Das verlangt von uns einen kritischen Umgang sowohl mit unserer Zeit, wie auch mit der Bibel.
Hermann-Josef Venetz

mardi 29 décembre 2015

Ochs und Esel





Es gibt recht unterschiedliche Krippen, aber im grossen und ganzen erinnern sie an das, was wir in den Evangelien lesen: an die heilige Familie, an ganze Scharen von Engeln, an Hirten mit ihren Schafen, an die drei Könige…. (Lukas 2,1-20; Matthäus 2,1-12) Aber dann finden wir fast bei jeder Krippe etwas, wovon in den Evangelien überhaupt nicht die Rede ist: den Ochs und den Esel. Und ich bin sehr beruhigt, wenn sie da sind.
Ich habe auch eine Erklärung, weswegen das so ist. Weihnachten ist ja das Fest der Liebe und des Friedens. Und an Weihnachten möchten wir besonders liebevoll und besonders friedlich miteinander umgehen. Und ausgerechnet an Weihnachten gelingt uns das nicht – gerade weil wir es so gut machen wollen. Wir ärgern uns dann über uns selbst – auch nicht gerade die beste Voraussetzung, um Mitmenschen liebevoll zu begegnen.
Dann kann es hilfreich und tröstend sein, zur Krippe zu gehen. Vielleicht ist es nicht immer so leicht, sich in diesen Gestalten wiederzufinden. Die Heilige Familie ist schon gar weit entfernt von uns. Die Hirten sind zwar drollig und die Engel ab und zu auch, aber messen möchten wir uns mit ihnen nicht. Auch die heiligen drei Könige sind für uns eine Schuhnummer zu gross. Und da bin ich eben froh um den Ochs und den Esel. Die sind nun wirklich nichts Besonderes und sie brauchen auch nichts Besonderes zu sagen. In ihnen kann ich mich am ehesten wieder erkennen. Ich bin ja auch nichts Besonderes, und etwas Besonderes habe auch ich nicht zu sagen. Aber wenn Ochs und Esel an der Krippe Platz haben, so denke ich mir, dann hab ich sicher auch Platz.
Zwar ist in den Evangelien vom Ochs und Esel nicht die Rede. Aber ganz zufällig sind sie nicht da. Wenn von der Krippe die Rede ist, erinnere ich mich unwillkürlich an den Propheten Jesaja, dessen Buch mit einem Wort von der Krippe beginnt. Da heisst es:
Söhne habe ich aufgezogen und gross gemacht; sie aber sind mir untreu geworden. Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn. Mein Volk aber hat keine Einsicht.
Zu dem Volk, von dem hier die Rede ist, gehöre auch ich. In der Tat bin ich oft noch uneinsichtiger als ein Ochs und störrischer als ein Esel. Aber wenn der Ochs und der Esel bei der Krippe sind, habe doch auch ich eine Chance.
Vielleicht ist das die Weihnachtsbotschaft, und vielleicht ist das der Grund, weswegen wir an Weihnachten einander beglückwünschen: Gott ist Mensch geworden, und darum haben alle eine Chance. Auch der Ochs und der Esel. Auch Du. Und – vielleicht – auch ich.
Hermann-Josef Venetz


lundi 21 décembre 2015

Ausgerechnet Hirten (zu Lukas 2,8-14)



Der Bote Gottes geht nicht zuerst zu Maria und Joseph und zum Kind, das eben auf die Welt gekommen ist. Die Herrlichkeit des Ewigen umstrahlt nicht die heilige Familie. Die Menge der himmlischen Heerscharen stimmt nicht bei der Krippe das Gloria an.

Hirten stehen im Mittelpunkt. Zu ihnen als erste kommt der Bote Gottes, gerade so, als ob sie die wichtigsten Leute wären, denen als erste die Gute Nachricht mitgeteilt werden muss. Hirten sind es, die als erste in das Licht Gottes hineingenommen werden. Die Hirten sind die ersten, die den himmlischen Gesang vernehmen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen, die er liebt. Nicht an erster Stelle Menschen, mit Rang und Namen, nicht an erster Stelle Brave und Heilige stehen vor Gott. Friede, Freude, Segen, Licht... all das betrifft zuerst die Menschen, denen Gott besonders nahe sein will. Und um das ja deutlich zu machen, nimmt der Bote Gottes nicht an erster Stelle die Priester und die besseren Leute in sein Licht hinein, sondern die Hirten, die nicht nur herzig und drollig sind, sondern vor allem bärbeissig, eigenwillig und grobschlächtig sein können.

Alles ist ganz anders als man es erwartet: die Botschaft – dass nämlich der Retter und Herr im Kind in der Krippe erschienen ist; die Leute, an die sich die Botschaft richtet – Menschen, die keinen guten Ruf haben. Alles ist ganz anders als man es erwartet.

Entscheidend ist nicht, dass wir uns abmühen, entscheidend ist nicht, dass wir möglichst brav sind und gut dastehen. Weihnachten will uns sagen: Entscheidend ist, dass Gott für die Kleinen und Vergessenen einsteht.

Das ist auch das, was uns zusammenhält und neu anfangen lässt.

Hermann-Josef Venetz

mercredi 16 décembre 2015

Andere Massstäbe
Gedanken zum Advent



Saul, der erste König von Israel, ist gescheitert. Er folgte seinen eigenen Machtgelüsten und tat nur das, was ihn selber vorwärtsbrachte – ohne Rücksicht auf das Volk und auch ohne Rücksicht auf die Weisungen Gottes. So schickte denn Gott seinen Propheten Samuel nach Bethlehem – einen ziemlich unbedeutenden Ort – um dort einen der Söhne Isais zum König salben. Samuel machte sich auf ohne zu wissen, wer von den Söhnen es sein sollte (vgl. 1 Samuel 16,1-13).
Im Auftrag Gottes lud er das ganze Dorf zum Opfer und zum anschliessenden Fest-Mahl ein. Besondere Gäste waren natürlich die Mitglieder der Sippe Isais. Dieser kam mit seinen erwachsenen Söhnen und stellte sie dem Propheten vor. Einer stattlicher und imponierender als der andere, und bei jedem dachte sich Samuel: Das muss er sein! Und jedes Mal sagte ihm Gott: Nicht den habe ich erwählt!
Samuel erging es wie allen Menschen, wenn sie an einen König denken: Er muss gross und stattlich und mächtig sein, er muss imponieren und sich durchsetzen können. Sozialkompetenz ist gefragt, so nennt man das heute. Für Samuel wäre eigentlich jeder der sieben Söhne in Frage gekommen, aber bei jedem musste er von Gott das gleiche hören: Nicht der ist’s, den ich meine.
Samuel war ratlos, ist er doch geschickt worden, einer der Söhne Isais zum König zu salben. Darum fragte er Isai: Sind das alle deine Söhne? Der antwortete: Ja… schon…, das heisst der Jüngste, David, fehlt; der hütet gerade die Schafe. Samuel sagte zu Isai: Lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er da ist.
Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. Kaum stiess David zur Runde, sagte die Stimme zu Samuel: Auf, salbe ihn! Er ist es.
Offensichtlich steht Gott auf der Seite derer, die für die Menschen gar nicht zählen, auf der Seite derer, die schnell in Vergessenheit geraten, weil sie zu jung, zu unscheinbar, zu unbedeutend sind. Wir schauen auf das Imponierende, auf das Tüchtige und Mächtige. Bei Gott ist es nicht so.
Die vorweihnachtliche Zeit kündet sich bereits an: Die Hirten sollen den Neugeborenen, den Messias, nicht in einem übermächtigen Potentaten suchen, sondern in einem obdachlosen Kind, das in einem Futtertrog liegt. Der Gott, von dem wir reden: Er lässt sich nicht finden, es sei denn, wir beugen uns und suchen ihn im Kleinen und Geringen und Verachteten.
Das muss gelernt sein. Die Zeit dafür ist da.
Hermann-Josef Venetz


samedi 12 décembre 2015

Hoffen ist anders



Der Pessimist sagt: »Ich bin kein Pessimist, ich bin Realist; ich betrachte die Dinge so, wie sie sind.« Der Optimist sagt: »Ich bin kein Optimist, ich bin Realist; ich betrachte die Dinge so, wie sie sind.«
Solche Aussagen sind verständlich. Der Pessimist steht im Verdacht, ein Schwarzseher zu sein und die Dinge schwärzer zu sehen, als sie sind. Der Optimist steht im Verdacht, blauäugig zu sein und die Dinge in helleren Farben zu sehen, als sie sind.
Sowohl Optimisten als auch Pessimisten möchten Realisten sein. Sie haben auch gute Gründe für ihre jeweilige Weltsicht, ohne dass ihnen Weltfremdheit vorgeworfen werden muss. Ihre Gründe sind ernst zu nehmen, sind überprüfbar und oft auch nachvollziehbar. Es gibt gute Gründe, die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz optimistisch einzuschätzen. Es gibt aber auch gute Gründe, die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz pessimistisch zu sehen. Kann sein, dass morgen die Einschätzung wieder eine ganz andere sein wird.
Hier ein anderes Beispiel. Es gibt Tage, an denen ich die Entwicklungen in der Kirche eher pessimistisch einschätze. Dann gibt es aber auch Tage, an denen ich die selben Entwicklungen eher optimistisch betrachte. Sowohl meinen Optimismus wie auch meinen Pessimismus kann ich durch meine so genannte realistische Einschätzung gut begründen: Es gibt konkrete Beobachtungen und Erfahrungen; es gibt Belege aus der Geschichte; es gibt Berechnungen und Prognosen von Leuten, die es doch wissen müssen. Freilich können diese Berechnungen und Prognosen morgen wieder andere sein.
Hoffnung ist etwas anderes. Sie ist ‚jenseits’ von Optimismus und Pessimismus. Sie gründet nicht auf Einschätzungen und Berechnungen und Prognosen, so realistisch diese auch sein mögen. Hoffnung hat etwas mit Glauben zu tun. Darunter verstehe ich nicht Theologie oder ein besonderes Wissen. Unter Glauben verstehe ich eine Beziehung. Eine Beziehung zu einem Du.
Um es mit anderen Worten zu sagen: Mich trägt nicht der Optimismus, auch nicht mit allen seinen guten und realistischen Gründen – es wäre das für mich eine zu schmale Basis. Mich trägt die Beziehung zu einem Du, das ich Gott nenne. Und dieses Du wechselt nicht alle paar Tage. Es ist das Du, das mich ins Leben ruft und beim Namen nennt, das mit mir etwas vorhat und mir etwas zumutet und mich auch dann noch trägt, wenn alle Berechnungen und Prognosen nach unten zeigen.
Hermann-Josef Venetz

lundi 30 novembre 2015

Bleibt!



Die Abschiedsreden im Johannesevangelium (14-17) klingen sehr ruhig und abgeklärt. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch, sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Eine traute Idylle steigt in uns auf.
Wenn dann aber innerhalb weniger Verse neunmal vom bleiben die Rede ist, darf man sich zu Recht fragen, ob das Bleiben für viele der damaligen Christinnen und Christen nicht zum Problem geworden ist. Aus dem vermeintlich so ruhig dahinplätschernden Evangelium können wir entnehmen, dass die Gemeinde, die der Evangelist vor Augen hat, deutliche Risse aufweist – wenn sie nicht schon auseinandergebrochen ist.
Da gab es einige, die im gekreuzigten und auferweckten Jesus von Nazaret so etwas wie einen neuen Mose erkannten. Im Ersten Testament wurde er ja verheissen: der Prophet wie Mose, der dem Volk alles sagen wird, was Gott ihm aufgetragen hat, ein Prophet auch, der Zeichen und Wunder wirken wird wie Mose (Deuteronomium 18,18). Und mit leuchtenden Augen erzählten sie, wie Jesus mit wenigen Broten mehrere tausend Leute gesättigt hat.
Da gab es andere, denen das nicht genügte. Nicht Jesus von Nazaret war für sie entscheidend, nicht sein Leiden und Sterben und Auferstehen, erst recht nicht die Wunder. All das ist höchstens für die ‚einfachen Gläubigen’ wichtig. Für die wahrhaft ‚Eingeweihten’ ging es einzig um den Christus, der das Wort ist, die Wahrheit, das Leben, in das sie hineintauchen konnten. Es war fast so, als ob sie von dieser Welt, von der sie eh nicht viel hielten, bereits abgehoben waren. Sie sahen sich zu Höherem und Besserem bestimmt, lebten jetzt schon die Vollendung und blickten etwas mitleidig, wenn nicht gar verachtend auf diejenigen herab, die über die Alltäglichkeiten des Lebens nicht hinauszusehen vermochten.
Beide Gruppierungen sprachen einander den ‚richtigen Glauben’ ab.
Der Evangelist Johannes wollte in erster Linie nicht über den ‚richtigen Glauben’ entscheiden. Er möchte, dass alle bleiben, so unterschiedlich ihre Glaubensüberzeugungen auch sind. Er möchte, dass sie beieinander bleiben und von einander lernen und für einander da sind.
Nicht der ‚richtige Glauben’ ist entscheidend, über den sich so leicht reden lässt, sondern das Bleiben, das Ausharren – auch und gerade in all den schweren Glaubensnöten, die uns heimsuchen.
Hermann-Josef Venetz

jeudi 26 novembre 2015

Schon und noch nicht




 Die Spannung von schon und noch nicht ist ein Merkmal des christlichen Glaubens. Auch unsere Feste und Feiern sind von dieser Spannung geprägt.
• An Weihnachten singen wir: Christ, der Retter ist da.
• An Ostern verkünden wir aller Welt: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.
• An Himmelfahrt: Er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters.
• An Pfingsten: Er hat und seinen Geist gesandt.
Wir schauen also einerseits auf das zurück, was bereits eingetroffen ist, gleichzeitig müssen wir aber auch feststellen, dass das, was schon geschehen oder gegeben ist, noch nicht in ganzer Fülle da ist.

Andererseits lassen uns unsere Feiern nicht nur auf das zurückblicken, was schon <geschehen ist, sondern stiften in uns auch die Hoffnung auf das, was noch auf uns zukommt.
• So blicken wir an Weihnachten wohl auf die Geburt des Messias zurück, aber gleichzeitig bringen wir unsere Hoffnung auf das endgültige Kommen des Retters zum Ausdruck.
• Ostern ist nicht nur die Erinnerung an die Auferweckung des gekreuzigten Jesus; wir feiern die letztgültige Überwindung des Todes und die Auferweckung aller Verstorbenen.
• Himmelfahrt ist nicht ein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit; das Fest gibt der Sehnsucht Ausdruck, dass derjenige, der zur Rechten Gottes sitzt, für immer bei uns sein wird.
• Das Pfingstfest lässt uns wohl an den Sturm und an die feurigen Zungen erinnern, die auf ‚alle Brüder und Schwestern’ herabgekommen sind, aber es bestärkt uns auch in der Erwartung, dass wir und alle Welt vom Feuer des Geistes erfasst und erfüllt werden.

In der Eucharistiefeier wird dieses Geheimnis gut zusammengefasst:
Deinen Tod, o Herr, verkünden wir,
Und deine Auferstehung preisen wir,
Bis du kommst in Herrlichkeit.

Noch kürzer ein in der frühen Kirche weitverbreiteter Ausruf:
Maranatha !
Was so viel bedeutet wie:
Unser Herr kommt !
oder
Komm, Herr Jesus !
(vgl. 1. Korintherbrief 16,22 und Offenbarung 22,20)

Hermann-Josef Venetz



mercredi 18 novembre 2015



Tod, wo ist dein Stachel?


Seit altersher bringt uns der Monat November den Verstorbenen und dem eigenen Tode nahe.
Die uns im Glauben vorangegangen sind, so nennt die Kirche in ihren Gebeten die Verstorbenen; Paulus nennt sie die Toten in Christus (1. Thessalonicherbrief 4,1), und Jesus sagt den Sadduzäern, die sich über die Auferstehung lustig machen: Für ihn, Gott, sind alle lebendig (Lukas 20,38).
Keine andere Erfahrung und keine Wirklichkeit fordert unseren Glauben so sehr heraus wie der Tod. Der Glaube darf diese Wirklichkeit weder verdrängen noch übertünchen. Wer sich zum gekreuzigten Messias Jesus bekennt, kann angstlos dem Tod ins Gesicht schauen, nicht nur dem sanften, erlösenden Tod, sondern auch dem Tod, der uns in verschiedenen und erschreckenden Fratzen entgegentritt. Seitdem Gott sich selbst in Jesus Christus in die Abgründe des Leidens und Sterbens hineinbegeben hat, hat der Tod alles Fluchwürdige und Entsetzliche verloren. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? – so fragt Paulus (1. Korintherbrief 15,55)
Oder auch so gefragt: Auf was vertraue ich, wenn es mit mir zu Ende geht?
- Auf ein Leben, das nach dem Tod irgendwie weitergeht?
- Auf eine unsterbliche Seele, jenem Bestandteil meiner selbst, der unzerstörbar, weil geistig ist?
- Auf eine Reinkarnation, eine Art Wiedergeburt, die mir auch weiterhin die Möglichkeit der Selbstentfaltung eröffnet?
- Auf meine guten Werke, um die ich mich zeitlebens redlich bemüht habe?
- Auf ein freundliches Nichts, das mich gnädig auflöst?
Was mich anbelangt: ich möchte glauben und vertrauen dürfen, dass Gott sein liebendes Ja, das er mir einmal zugesagt hat, auch durch mein Scheitern durchhält, auch durch mein Zweifeln und Verzweifeln, auch durch mein Sterben. Oder – um es ganz einfach zu sagen –: ich möchte glauben und vertrauen, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Stärker als mein und auch dein Tod. Stärker als unser aller Tod.

Hermann-Josef Venetz

Amnestie
(nach Matthäus 18,23-35)


Ein Knecht stand bei seinem Herrn in der unvorstellbar riesigen Schuld von 10 000 Talenten. 1 Talent war zur Zeit Jesu die grösste Geldeinheit, und 10 000 war die grösste Zahl, mit der man noch rechnete – eine grössere Schuld kann es also gar nicht geben.

Auf inständiges Bitten des Knechtes erlässt ihm der Herr die ganze Schuld! Aber dieser eben amnestierte Knecht bringt es nicht fertig, seinem Mitknecht die lächerliche Schuld von 100 Denaren zu erlassen – das sind ziemlich genau der millionste Teil der 10 000 Talente – und das obwohl ihn dieser nicht weniger inständig um Stundung bittet. Das ist ein Skandal!


Christinnen und Christen – ja eigentlich alle Menschen – stehen als Amnestierte in der Welt. Sie sind frei. Sie brauchen sich nicht mehr zu ängstigen. Sie brauchen sich von der Last ihrer Schuld nicht aufreiben, von Schuldkomplexen nicht versklaven zu lassen. Die Frage ist nur, was sie mit ihrer Freiheit tun. Ob andere etwas von dieser Amnestie zu spüren bekommen: die Asylanten, die verschuldeten Länder, die Verleumder? Oder ob der befreiende Zug der Amnestie bei ihnen selbst ans Ende gelangt?

Wo die Amnestie, das bedingungslose Verzeihen, nicht weitergeht, wird es für die Menschen und die Welt keine Zukunft geben.

Hermann-Josef Venetz

lundi 12 octobre 2015

Ehe als Vision
 Marc Chaggal

Die biblischen Darstellungen von den Anfängen der Welt und der Menschen, wollen uns nicht sagen, was vor vielen tausend Jahren passiert ist. Das ist Sache der Naturwissenschaftler, der Historiker und Ethnologen. Die Bibel hat uns viel Wichtigeres zu sagen. Auf unterhaltsame Art erzählt sie, wie es um uns Menschen steht, um das Verhältnis zwischen Frau und Mann, um das Verhältnis auch zwischen Gott und uns Menschen. Die biblischen Schriftsteller wussten: Von Gott kann man nur in Bildern und Gleichnissen reden. Und diese sind wahrer und fantasievoller als Fakten und Zahlen.
Nach dem Schöpfungsbericht in Genesis 2,4ff tritt Gott bei der Erschaffung des Menschen zuerst als Töpfer auf. Er verarbeitet Erde und Wasser zu einem menschenähnlichen Gebilde. Aber das ist noch nicht alles. Damit dieses Gebilde ein Mensch wird, bläst ihm Gott seinen eigenen Lebensatem in die Nase. Das sagt sehr viel über den Menschen: Er ist aus der Erde genommen, also mit der Erde verwandt, aber er lebt aus der Mund-zu-Mund-Beatmung durch Gott.
Aber es geht noch weiter. Gott selbst muss feststellen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; er muss ein Wesen neben sich haben, das zu ihm passt und ihn gewissermassen ergänzt. Und jetzt tritt der Ewige als plastischer Chirurg auf. Er lässt einen Tiefschlaf d.h. eine Art Narkose über den Menschen kommen, entnimmt ihm eine Rippe, füllt die Stelle mit Fleisch, damit das Wesen, das da wird, ja nicht zu kurz kommt, und formt die Rippe zu einer Frau. Dann führt er diese wie ein Brautführer dem Menschen zu. Und jetzt geht ein Freudenschrei des Menschen durch die Welt: Endlich! Das ist sie! Eine wie ich! Eine, mit der ich eins werden kann; sie ist ja von mir genommen!

In diesem Monat versammeln sich Bischöfe der römisch-katholischen Kirche mit dem Papst zur sogenannten Familiensynode. Schade, dass da nur unverheiratete Männer zusammenkommen. Aber lassen wir das. Meine Hoffnung ist die, dass sich diese Männer von den wunderbaren Bildern der Bibel faszinieren lassen und nicht gleich wieder Regeln und Gesetze daraus machen. Die Bibel zeichnet uns einen Gott, der grösser und liebevoller ist als unser Herz, grösser und fantasievoller auch als all unser Denken. Die Vision des Reiches Gottes – dazu gehört eben auch die Ehe – lässt sich nicht in Gesetze einfangen. Für die Vision des Reiches Gottes können wir uns immer nur öffnen, damit wir und unsere Welt jeden Tag friedlicher, gerechter und glücklicher werde. So beten wir auch täglich: Dein Reich komme!
Hermann-Josef Venetz